Zitat

I never had an engine failure in 42 years in any flight I‘d ever flown, but I was ready.

Chesley Sullenberger

Ein Dschungel voll von unterschiedlichsten Begriffen.

Gerade wenn es um Fehler im Gesundheitswesen geht, wird sehr energisch nach Ursachen geforscht. Dabei tauchen immer wieder sehr ähnlich Begriffe auf. Von nicht-technischen Fertigkeiten ist da die Rede, als auch von Human Factors (englische Begriffe sind ja schließlich immer ein bisschen cooler als Deutsche), als auch kognitive Einflussfaktoren, und und und. Hört sich alles gleich sehr wichtig an. Darum wird es ja auch häufig verwendet. Aber was bedeuten diese Begriffe jetzt wirklich? Was sagen wir damit aus, beziehungsweise was wollen wir damit aussagen? Genau in diesen Bereich werden wir jetzt etwas Licht ins Dunkel bringen.

 

Affe
Text

Human Factors oder auch menschliche Faktoren.

Einflussfaktoren rund um Human Factors (eigene Darstellung).

Einflussfaktoren rund um Human Factors (eigene Darstellung).

Darunter versteht man physische, psychische, kognitive und soziale Eigenschaften von Menschen, welche die Interaktion mit der Umgebung und mit sozialen, beziehungsweise technischen Systemen beeinflussen.
Human Factors sind zugleich Wissenschaftsfeld, als auch Anwendungsbereich. Einige der Faktoren sind dabei durch Training oder auch Lernintervention veränderbar, bei anderen ist eine Veränderung von systemischen Faktoren notwendig.
Und noch was ist wichtig zu wissen: bei den Human Factors geht es auch um die Interaktion von menschlichen Faktoren mit technischen Faktoren. Im speziellen also um sogenannte sozio-technische Systeme.
Zum Abschluss noch etwas, was oft falsch verstanden wird in der Medizin. Human Factors beziehen sich nicht nur auf das Verhalten. Durch die Interaktionen und Faktoren geht es hier um einen weit größeren Bereich, als man zuerst zu denken vermag.

Technische und nicht-technische Fertigkeiten

Lasst uns mit einem weiteren Missverständnis aufräumen. Human Factors sind nicht gleich nicht-technische Faktoren (NTS). Auch wenn man vielleicht in der einen oder anderen Situation schon die ausgetauschte Verwendung von beiden Begriffen gehört hat, ist dem nicht so.
Zäumen wir das Pferd allerdings von hinten auf. Was sind denn nun technische Fertigkeiten? Ganz einfach. Fertigkeiten, wie beispielsweise die Defibrillation, Atemwegsmanagement, Rhythmusbeurteilung, Beatmung und so weiter und so fort. Genau das sind technische Fertigkeiten.
Jetzt können wir uns mit etwas mehr Licht im Dunkeln bereits an die Definition von nicht-technischen Fertigkeiten wagen. Denn darunter versteht man kognitive und interpersonelle Fertigkeiten, die mitunter für effektives Teamwork verantwortlich sind.
Zu allem Überdruss jetzt auch noch ein paar Zahlen. Im Gesundheitssektor wird der Anteil an medizinischen Fehlern, ausgelöst durch einen Zusammenbruch der nicht-technischen Fertigkeiten, auf rund 70-80% geschätzt. Wenn man jetzt an die jährlichen Todesfälle denkt ist das also eine ganze Menge. Und da gilt es auch noch die ganzen unerwünschten Ereignisse miteinzubeziehen, die keine Schäden nach sich ziehen, und trotzdem passiert sind.
Was ist jetzt noch detailliert in den nicht-technischen Fertigkeiten enthalten? Kommunikation, Leadership, Followership und Teamwork, Entscheidungsfindung, Situationsbewusstsein und Aufgabenmanagement. Genau das ist da alles drinnen enthalten. Und für diejenigen unter uns, die es nicht so mit englischen Fachbegriffen haben: Leadership ist nicht gleich Führung. Aber das ist ja dann doch noch eine andere Geschichte…

Von Molekülen und Fertigkeiten.

Was haben Moleküle mit Fertigkeiten zu tun? Keine Sorge, hier geht es nicht um übernatürliche Fähigkeiten. Stattdessen wollen wir viel lieber aufzeigen, wie man nicht-technische Fertigkeiten einteilen kann. Vorweg gleich eine gute Nachricht: für eine exzellente Anwendung braucht es keine Superkräfte. Viele von uns haben bewusst oder unbewusst schon sehr viel entwickelt.
Die drei magischen Buchstaben um die es jetzt geht sind C-R-M. Oder ausgeschrieben Crew Resource Management. Je nach Literatur steht die Abkürzung manchmal auch für Crisis Resource Management. Aber wir sind der Meinung, das alles auch schon vor einer Krise zu einer Crew gehören sollte. Um es möglichst nicht soweit kommen zu lassen.
Die vier Bestandteile des CRM-Moleküls sind Situationsbewusstsein, Teamwork, Entscheidungsfindung und Aufgabenmanagement. Sie werden durch den Klebstoff Kommunikation zusammengehalten. Zusätzlich zu diesen Elementen gibt es auch noch fünfzehn Leitsätze zum Thema Crew Resource Management. Die Leitsätze stammen ebenfalls aus der Feder von Marcus Rall, der sie gemeinsam mit dem Stanford Professor David Gab verfasst hat.

 

CRM-Leitsätze nach Rall und Gaba.

  1. Kenne Deine Arbeitsumgebung.
  2. Antizipiere und plane voraus.
  3. Hilfe anfordern, lieber zu früh als zu spät.
  4. Übernimm die Führungsrolle oder sei ein gutes Teammitglied mit Beharrlichkeit.
  5. Verteile die Arbeitsbelastung (10 Sekunden für 10 Minuten).
  6. Mobilisiere alle verfügbaren Ressourcen (Personen und Technik).
  7. Kommuniziere sicher und effektiv – sag was Dich bewegt.
  8. Beachte und verwende alle vorhandenen Informationen.
  9. Verhindere und erkenne Fixierungsfehler.
  10. Habe Zweifel und überprüfe genau („double check“, nie etwas annehmen).
  11. Verwende Merkhilfen und schlage nach.
  12. Reevaluiere die Situation immer wieder (wende das 10-Sekunden-für-10-Minuten-Prinzip an).
  13. Achte auf gute Teamarbeit – andere unterstützen und sich koordinieren.
  14. Lenke Deine Aufmerksamkeit bewusst.
  15. Setze Prioritäten dynamisch.

Ein Begriff von besonderer Bedeutung.

Neugierig geworden? Wir sind es noch immer. Weil einer der vier Bestandteile des CRM-Moleküls besonders spannend ist: Situationsbewusstsein. Warum? Ganz einfach. Ein Zusammenbruch des Situationsbewusstsein ist eine der drei häufigsten Ursachen von Fehlern.
Ihr werdet wahrscheinlich überrascht sein, über das was gleich kommt. Wir waren es auch. Nämlich was die United States Air Force mit dem ganzen zu tun hat. Die Ingenieurin Mica R. Endsley war als Chief Scientist für die United States Air Force tätig. Aber wozu braucht die Air Force überhaupt eine solche Stelle? Tja, der oder die Chief Scientist ist dafür verantwortlich, dem Chief und dem Secretary der Air Force unabhängigen und wissenschaftlichen Rat geben zu können. Und Dr. Endsley hat ihr Handwerk zweifelsohne verstanden. Mit über 200 Artikeln und wissenschaftlichen Publikationen gehört sie zu den absoluten Experten und Vorreitern auf diesem Gebiet. Daher gibt es auch ein eigenes Modell von ihr zum Situationsbewusstsein.
Situationsbewusstsein im Team und von einzelnen Team Mitgliedern (modifiziert nach Endsley).

Situationsbewusstsein im Team und von einzelnen Team Mitgliedern (modifiziert nach Endsley).

ver|ste|hen

Beispiele: verstanden; jemandem etwas zu verstehen geben

Jetzt hoffen wir natürlich, dass wir Dir genügend zum Verstehen gegeben haben. Wenn trotzdem noch etwas offen ist, dann kannst Du auch persönlich mit uns in Kontakt treten. Wir stehen für alle Fragen zur Verfügung. Oder hast Du unter Umständen Lust auf mehr bekommen? Dann ist vielleicht bei unseren Leistungen etwas passendes für Dich dabei.

Weiterführende Literatur

Rall, Markus; Lackner, C.K (2010): Crisis Resource Management (CRM). Der Faktor Mensch in der Akutmedizin, in: Notfall und Rettungsmedizin, 13, 349–356.
 
Rall, Markus; Oberfrank, S (2013): Critical incident reporting systems. Erhöhung der Patientensicherheit, in: Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie, 27, 206–212.
 
St. Pierre, Michael; Hofinger, Gesine (2014): Human Factors und Patientensicherheit in der Akutmedizin, Berlin Heidelberg: Springer.